Ich bin Heizungsbaumeister.
Ich bin Energieberater für Wohngebäude.
Ich entwickle Immobilien.
Und trotzdem habe ich in letzter Zeit häufiger das Gefühl, wieder näher am Anfang zu stehen als gedacht.
Nicht, weil ich die Grundlagen nicht verstehe.
Sondern weil ich merke, dass viele dieser Grundlagen im realen Betrieb anders wirken, als ich sie gelernt habe.
Seit bald zwölf Jahren beschäftige ich mich mit Wärmeerzeugung.
In den letzten zwei Jahren besonders intensiv mit Effizienz im Gebäudebestand.
Ich habe Heizungen eingebaut, Wärmepumpen geplant, hydraulische Systeme gesehen, Regelungen eingestellt und Förderprozesse begleitet.
Rückblickend würde ich sagen: Wir haben vieles richtig gemacht.
Aber wir haben oft am falschen Punkt angesetzt.
Wir haben geplant, gerechnet und investiert –
ohne den realen Betrieb konsequent zu hinterfragen.
Und genau dort liegt das eigentliche Problem.
Ein Problem, das man nicht sofort sieht.
Ein Problem, das nicht in der Technik liegt.
Sondern in der Art, wie Systeme betrieben und eingestellt werden.
Und dieses Problem zeigt sich an einer zentralen Größe:
Der Temperatur.
Genauer gesagt:
der Fähigkeit eines Gebäudes, mit möglichst niedrigen Systemtemperaturen betrieben zu werden.
Also der realen Vorlauftemperatur, mit der ein Gebäude im Alltag tatsächlich läuft –
nicht der, die irgendwann einmal berechnet wurde.
Wenn sie überhaupt sauber berechnet wurde.
Mein Schlüsselmoment – und mein eigener Fehler
Im Jahr nach meiner Meisterschule habe ich das Haus meiner Eltern mit saniert.
Neue Heizkörper.
Eine sauber berechnete Heizlast nach DIN.
Eine Auslegung auf 55 °C Vorlauf bei –10 °C Außentemperatur.
Alles so geplant, dass perspektivisch auch eine Wärmepumpe möglich gewesen wäre.
Die bestehende Ölheizung von 2011 blieb zunächst im Einsatz.
Technisch war sie einwandfrei, wirtschaftlich gab es keinen akuten Handlungsbedarf.
Ich war Anfang zwanzig, frisch aus der Meisterschule.
Ich konnte rechnen, auslegen, dimensionieren.
Ich hatte bewusst den Meister gemacht, weil mir in der Ausbildung viele theoretische Zusammenhänge gefehlt hatten.
Wärmepumpen und nachhaltiges Heizen waren damals – etwa zwischen 2016 und 2019 – weder in der Berufsschule noch im Alltag wirklich präsent.
Bis 2022 wurde die Brennwerttechnik für Öl und Gas sogar noch gefördert.
Ich hatte das Gefühl, das System zu verstehen.
Vor wenigen Wochen standen wir bei meinen Eltern im Wohnzimmer.
Draußen Plusgrade, also keine extremen Bedingungen.
Beim Spielen mit den Kindern kam es mir ungewöhnlich warm vor.
Ich habe an einen Heizkörper gefasst.
Er war sehr heiß.
Zu heiß.
Ich habe nichts gemessen, nur gefühlt.
Aber das Gefühl war eindeutig:
Das passt nicht zu einer Auslegung von 55 °C bei –10 °C.
Also bin ich in den Heizraum gegangen.
Dort hängt eine Buderus Logamatic-Regelung von 2011.
Kein modernes Interface, kein grafisches Heizkurvenmenü.
Die Anleitung war nicht mehr auffindbar.
Obwohl ich vom Fach bin und die Anlage auch schon früher einmal eingestellt hatte, brauchte ich Zeit.
Ich habe mir die Anleitung im Internet gesucht, mich durch Serviceebenen gearbeitet und versucht herauszufinden, wo genau sich die relevanten Parameter verstecken.
Am Ende war es eine Mischung aus Hartnäckigkeit und ein wenig Unterstützung durch KI, die mich ans Ziel gebracht hat.
Und dann kam der Moment, der mein eigenes Fachego ziemlich getroffen hat.
Die Anlage war nicht auf 55 °C bei –10 °C eingestellt.
Sie lief auf 66 °C.
Elf Kelvin Unterschied.
Elf Grad Vorlauftemperatur, die ich selbst Jahre zuvor faktisch falsch hinterlassen hatte.
Mir wurde klar:
Trotz Zeit, trotz Sorgfalt und trotz ehrlichem Interesse, die Anlage möglichst effizient zu betreiben, hatte ich die Systemtemperatur nicht optimal eingestellt.
Und wie so oft gilt:
Was einmal eingestellt ist, wird danach kaum noch hinterfragt.
Erst fünf Jahre später ist es mir aufgefallen.
Und das auch nur, weil ich bei meinen Eltern war.
Beim Kunden wäre es unter Umständen nie aufgefallen.
Das erklärt die heißen Heizkörper bei Plusgraden.
Das erklärt unnötige Verluste.
Das erklärt das Taktverhalten.
Das erklärt einen erhöhten Energieverbrauch.
Und das Entscheidende ist:
Ich hatte gerechnet.
Ich hatte geplant.
Ich hatte ausgelegt.
Aber ich hatte den realen Betrieb nicht konsequent überprüft.
Allein durch diese Korrektur konnten wir die Systemtemperatur um 11 Kelvin absenken.
Ohne Umbau.
Ohne Investition.
Ohne neue Technik.
Nur durch Einstellung.
Und wenn mir das – ohne Zeitdruck und im eigenen Elternhaus – passiert:
Wie oft passiert das dann im Bestand insgesamt?
Und genau hier beginnt für mich ein anderes Denken.
Nicht in Komponenten.
Nicht in Technologien.
Sondern in Entscheidungen.
Denn am Ende war es keine falsche Technik.
Sondern eine falsche Einstellung.
Eine Entscheidung, die ich getroffen hatte –
und danach nie wieder hinterfragt habe.
Schimmel, Zweifel und ein grundlegender Fehler
Ich wohne aktuell mit meiner Frau und unserem Kind im Haus meiner Schwiegereltern – in der Wohnung, die sie vorher selbst genutzt haben.
Über zwei Heizperioden hinweg hatten wir Räume, die kaum über 17 °C kamen.
Ein Wohnzimmer, das trotz Heizkörpertausch und zusätzlichem Niedertemperaturkonvektor nicht stabil warm wurde.
Ein hydraulischer Abgleich war durchgeführt worden.
Die Systemtemperaturen lagen trotzdem auf einem Niveau, das eher zu einem alten Niedertemperaturkessel passt – trotz Öl-Brennwertgerät.
Im Brennwertbereich lief die Anlage praktisch nicht.
Die Aussage meiner Schwiegereltern war:
„Das war schon immer so. Man muss halt den Ofen mit anmachen.“
Für mich als Energieberater und Handwerksmeister war das ehrlich gesagt unangenehm.
Mit frierender Familie wird es dann noch unschöner.
Man beginnt irgendwann, an sich selbst zu zweifeln.
War die Heizlast falsch?
War die Auslegung unzureichend?
War die Hydraulik nicht sauber umgesetzt?
Liegt es doch an der Gebäudehülle?
Parallel hatten wir immer wieder Feuchte- und Schimmelthemen.
Ich habe eine Abluftanlage nachgerüstet, analysiert, optimiert – und trotzdem blieben die Probleme bestehen.
Am Ende stellte sich heraus:
Vor- und Rücklauf waren beim Heizungstausch Ende 2023 vertauscht worden.
Ein struktureller Fehler im hydraulischen Aufbau,
der durch die hohen Temperaturen und die geringe Spreizung lange nicht offensichtlich war.
Nach der Korrektur konnten wir die Systemtemperatur schrittweise
von etwa 75 °C Vorlauf und 65 °C Rücklauf auf rund 55 °C bei –10 °C absenken.
Ohne neue Heizflächen.
Ohne zusätzliche Dämmung.
Das System war nicht zu schwach.
Es war falsch betrieben.
Und wieder war es keine Frage der Technik.
Sondern eine Frage des Betriebs.
Ein Fehler im System,
der lange unentdeckt bleibt –
weil alles grundsätzlich „funktioniert“.
30 Kelvin weniger – ohne Umbau
Noch deutlicher wurde mir das Thema in einem eigenen Immobilienprojekt.
Mehrfamilienhaus.
Brennwertanlage Baujahr 2018.
Große Gliederheizkörper.
Ich hatte Fenster getauscht, das Dach gedämmt, energetisch optimiert.
Die Heizung selbst habe ich ehrlich gesagt kaum hinterfragt.
Modernes Brennwertgerät – wird schon passen, dachte ich.
Erst nach der Heizperiode bin ich aus Interesse in die Regelung gegangen.
Auslegung bei –10 °C: 90 °C Vorlauf.
Neunzig.
Ich habe die Einstellung zunächst auf 60 °C reduziert.
Perspektivisch sogar auf 55 °C.
30 Kelvin Unterschied.
Ohne Investition.
Ohne Umbau.
Bei einem Gebäude dieser Größe ist das keine Kleinigkeit.
Das ist strukturell relevant.
Und an diesem Punkt hat mein eigentliches Nachdenken begonnen.
Wie oft werden Anlagen installiert, berechnet, übergeben –
und danach im Betrieb nie wieder wirklich überprüft?
Wie oft wird hydraulisch abgeglichen,
aber nichts iterativ an den Temperaturen optimiert?
Wie oft verlassen wir uns auf Berechnungen mit vielen Annahmen,
ohne reale Betriebsdaten ernsthaft auszuwerten?
Ich halte diese Werkzeuge nicht für falsch.
Aber vielleicht halten wir sie manchmal für exakter,
als sie im Bestand tatsächlich sind.
Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Fehler.
Nicht in den Werkzeugen.
Sondern darin, wie wir sie einsetzen.
Wir planen, rechnen und optimieren –
aber oft nicht dort, wo die größte Wirkung entsteht.
Strom ist sexy – Wärme, was ist das?
Wenn man sich Gebäude anschaut, gibt es im Grunde zwei große energetische Welten:
Strom und Wärme.
Der Strombereich ist sichtbar und greifbar.
Photovoltaik, Batteriespeicher, Wallbox – das sind Themen, die man sieht, misst und emotional versteht.
Für den Strom gibt es inzwischen sogar ein sehr niedrigschwelliges Einstiegsprodukt:
Das Balkonkraftwerk.
Einstecken, verstehen, mitmachen.
Im Wärmebereich ist das anders.
Wärme ist träger, weniger sichtbar, weniger „erlebbar“.
Sie ist einfach da – oder fällt erst auf, wenn sie fehlt.
Dabei ist ihre Bedeutung deutlich größer, als viele vermuten.
In Deutschland fließt mehr als die Hälfte des gesamten Endenergieverbrauchs in Wärme –
vor allem in Raumheizung und Warmwasser.
Und trotzdem liegt der Fokus in der öffentlichen Wahrnehmung häufig auf dem Strom.
Dabei entscheidet sich gerade im Bestand ein großer Teil der Energiewende im Wärmesystem.
Und vielleicht ist genau das ein Teil des Problems.
Wir investieren viel Aufmerksamkeit in das, was sichtbar ist.
Und zu wenig in das, was im Hintergrund läuft.
Denn während Strom aktiv gemanagt wird,
läuft Wärme in vielen Gebäuden einfach weiter –
so wie sie einmal eingestellt wurde.
Die unterschätzte Stellschraube
Die Vorlauftemperatur ist keine Nebensache.
Sie ist eine zentrale Stellgröße im gesamten Heizsystem.
Sie beeinflusst unter anderem:
• die Effizienz der Wärmeerzeugung
• die tatsächliche Brennwertnutzung
• das Taktverhalten
• die Lebensdauer der Anlage
• den Energieverbrauch insgesamt
• Wärme- und Abgasverluste
Und in den meisten Gebäuden ist die technische Grundlage längst vorhanden,
um hier anzusetzen – ohne neue Investitionen.
Regelungen lassen sich anpassen.
Heizkurven verändern.
Heizzeiten optimieren.
Nachtabsenkungen hinterfragen.
Trotzdem passiert das selten systematisch.
Warum?
Weil es nicht spektakulär ist.
Weil es kein sichtbares Produkt ist.
Weil es keinen unmittelbaren Umsatz erzeugt.
Und weil oft niemand wirklich erklärt,
wie man diesen Prozess sauber und gebäudespezifisch angeht.
In Betriebsanleitungen steht, wo man etwas einstellen kann.
Aber nicht, wie man sinnvoll vorgeht.
Wie weit kann ich die Temperatur absenken?
Wann teste ich sinnvoll?
Bei welchen Außentemperaturen bewerte ich das System?
Wie erkenne ich, wo die Komfortgrenze liegt?
Das sind keine trivialen Fragen.
Und genau hier entsteht die eigentliche Lücke.
Nicht zwischen Technik und Umsetzung.
Sondern zwischen Möglichkeit und Verständnis.
Die Werkzeuge sind da.
Die Systeme sind vorhanden.
Aber ein klarer, nachvollziehbarer Weg fehlt oft.
Das Prinzip der optimalen Systemtemperatur
Deshalb beginne ich, dieses Thema systematisch für mich – und in Zukunft auch für andere – aufzubereiten.
Ich nenne es das Prinzip der optimalen Systemtemperatur.
Es geht nicht darum, die Temperatur einfach möglichst weit zu senken.
Es geht darum, die minimal notwendige Vorlauftemperatur zu finden,
bei der Komfort und Betriebssicherheit gewährleistet sind.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
In der Praxis liegen hier oft Einsparpotenziale zwischen etwa 1 % und 30 % – je nach Ausgangssituation.
Und das ohne neue Technik.
Ohne große Investitionen.
Sondern durch Verständnis, Beobachtung und schrittweise Anpassung.
Natürlich endet die Reise nicht bei der Heizkurve.
Maßnahmen an der Gebäudehülle zahlen auf niedrigere Temperaturen ein.
Größere Heizflächen ebenso.
Hydraulische Optimierungen genauso.
Aber ich beginne bewusst beim Fundament.
Bei dem, was bereits da ist.
Und genau daraus entsteht für mich ein klarer Ansatz.
Nicht als einzelne Maßnahme.
Sondern als Prozess.
Schritt für Schritt.
Grad für Grad.
Gibt es ein „Balkonkraftwerk der Wärme“?
Im Strombereich gibt es einen klaren Einstiegspunkt.
Ein Produkt, das einfach ist und direkt Wirkung zeigt.
Das Balkonkraftwerk.
Einstecken, verstehen, mitmachen.
Im Wärmebereich fehlt so etwas bislang.
Vielleicht brauchen wir auch hier einen niedrigschwelligen Einstieg.
Kein weiteres komplexes System.
Sondern einen klaren ersten Schritt.
Etwas, das Menschen hilft, ihr eigenes Gebäude zu verstehen.
Für mich beginnt dieser Schritt bei der Temperatur.
Nicht als fertige Lösung.
Sondern als Einstieg in ein Systemverständnis.
Ein Einstieg, der nicht über neue Technik funktioniert.
Sondern über das, was bereits da ist.
Und genau daraus entsteht für mich ein einfaches Prinzip:
Verstehen, wie ein System läuft –
und es Schritt für Schritt zu verbessern.
Ich schreibe das nicht als jemand, der alles besser weiß.
Sondern als jemand, der in den letzten Jahren gemerkt hat,
dass hier ein systematischer Prozess fehlt.
Ein klarer, wiederholbarer Weg,
um bestehende Anlagen wirklich zu verstehen und zu optimieren.
Für Eigentümer.
Für Vermieter.
Für das Handwerk.
Für alle, die sich ernsthaft mit ihrem Gebäude beschäftigen wollen.
Ich glaube nicht,
dass die Wärmewende im Bestand primär über neue Heizungen entschieden wird.
Ich glaube,
sie wird über Systemverständnis entschieden.
Und Temperatur ist ein zentraler Teil dieses Verständnisses.
Für mich beginnt dieser Weg bei der Temperatur.
Grad für Grad.
Und er endet dort nicht.
Denn was für die Temperatur gilt,
gilt auch für Strom.
Und für Investitionen.
Watt für Watt.
Euro für Euro.
Wenn du dein System besser verstehen willst
Wenn dich dieser Ansatz interessiert und du diesen Weg mitverfolgen möchtest,
kannst du mir auf Instagram, LinkedIn oder hier über den Newsletter folgen.
Ich werde das Thema Schritt für Schritt weiter vertiefen.
Vielleicht beginnt dein erster Schritt nicht mit einer neuen Heizung.
Sondern mit einem Blick in deinen Heizraum.
Und der Frage, wie dein System tatsächlich läuft.
Nicht theoretisch.
Sondern im Alltag.
— Nick